Der postmoderne Wandel religiöser Organisation und die Überlieferung von Ritualen am Beispiel des Hubyar-Ocak
DOI:
https://doi.org/10.24082/2025.abked.536Schlagworte:
Hubyar-Ocak, Ritual, Tradition, Migration, ModerneAbstract
Die Organisationsformen der alevitischen Ocaks haben sich historisch in gesellschaftlichen Kontexten, in denen entweder ein Machtvakuum (Interregnum) herrschte oder die zentrale Autorität nur begrenzt wirksam war, und im Einklang mit den inneren Dynamiken des alevitischen Glaubenssystems entwickelt. Diese Ocaks, die die allgemeine alevitische Sozialstruktur bilden und eine vergleichsweise autonome Organisationsweise aufweisen, lassen sich als gemeinschaftsbasierte religiöse Gemeinden (congregations) verstehen. Ohne einen expliziten missionarischen Anspruch zu verfolgen, boten sie ihren Gemeinschaften Stabilität und soziale Ordnung und bestehen in Anatolien nachweislich seit mindestens dem 13. Jahrhundert. Aufgrund ihrer regionalen Verankerung und ihrer geschlossenen Struktur gelang es diesen Ocaks, sich gegenüber Druck und Verfolgung durch andere Religionen und Glaubenssysteme zu behaupten und ihre Anhängerschaft bis in die Gegenwart zu bewahren.
Diese Organisationsform, die unter mittelalterlichen Bedingungen stabil und funktional war und teilweise als Parallelordnung zur Zentralregierung fungierte, hat unter den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Moderne ihre Existenzgrundlage verloren. Die rasche Industrialisierung des Landes und die damit einhergehende Massenmigration haben die Alevitinnen und Aleviten aus ihrer geografischen und sozialen Isolation gelöst, was auch eine Erosion der Ocak-Strukturen nach sich gezogen hat. Infolge ihrer Öffnung gegenüber und zunehmenden Integration in neuen sozialen Welten haben sich viele Aleviten zwangsläufig von ihren traditionellen Glaubensinstitutionen entfernt. Durch Migration gehen etablierte soziale Strukturen und Positionen und damit auch die Bindungen an die jeweiligen Ocaks zunehmend verloren.
Der Abbruch dieser traditionellen Verbindungen hat im urbanen Kontext zu neuen Suchbewegungen und zur Herausbildung alternativer Organisationsformen geführt. Innerhalb ihrer neuen Lebenswelten wenden sich Alevitinnen und Aleviten vermehrt Kulturvereinen mit säkularer Ausrichtung sowie politische Gewerkschaften zu. Diese Entwicklungen der letzten fünfzig Jahre haben tiefgreifende Auswirkungen und grundlegende Veränderungen in den religiösen Bindungen und Praktiken der Aleviten bewirkt. Die vorliegende Studie bietet auf der Grundlage des Beispiels des Hubyar-Ocak eine ethnografische Beobachtung dieser Transformationsprozesse.
Downloads
Downloads
Veröffentlicht
Zitationsvorschlag
Ausgabe
Rubrik
Lizenz
Copyright (c) 2025 Forschungszeitschrift über Alevitentum und Bektaschitentum

Dieses Werk steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International.







