Vom rituellen Vollzug zur folkloristischen Inszenierung: Die Entkontextualisierung und Transformation des Semah-Rituals im türkischen Kino
DOI:
https://doi.org/10.24082/2025.abked.541Schlagworte:
Semah, Cem, Ritual, Kino, Alevitentum, Transformation, RepräsentationAbstract
Dieser Beitrag untersucht, wie der Semah, eines der zentralen Elemente des Cem-Rituals im alevitischen Glaubenssystem, im türkischen Kino dargestellt wird und in welchen Punkten sich diese Darstellungen vom ursprünglichen rituellen Kontext entfernen oder ihm neue Bedeutungen zuweisen. Die wandelbare Struktur von Ritualen, die sich unter dem Einfluss sozialer Prozesse wie Migration, Urbanisierung, Politik und kultureller Mobilität verändert, bildet den analytischen Rahmen zur Untersuchung der Zirkulation des Semah im Film. Wird der Cem im Zusammenhang der Einheit von Wort, Melodie und Dienst (söz-ezgi-hizmet) betrachtet, treten die theologischen, mythischen und symbolischen Funktionen des Semah deutlich hervor und heben ihn über eine bloße Abfolge körperlicher Bewegungen hinaus.
Die Studie skizziert zunächst den begrifflichen Hintergrund, indem sie auf die mythischen Ursprünge des Semah, die Erzählung der vierzig Heiligen (Kırklar) sowie mystische Deutungen eingeht. Anschließend wird die räumliche und funktionale Transformation der Rituale im Zuge der Verlagerung alevitischer Gemeinschaften vom ländlichen in den urbanen Raum diskutiert. Vor diesem historischen Hintergrund werden filmische Beispiele in chronologischer Ordnung analysiert. Während die ersten Darstellungen des Semah in den 1970er-Jahren unter folkloristisch-ästhetischen Prämissen und Bedingungen von Zensur gestaltet wurden, wandelte sich das Ritual in den 1980er-Jahren zunehmend zu einem symbolischen und dramatischen Erzählelement. In den 1990er-Jahren ist in einigen Produktionen eine stärkere Kontexttreue zu beobachten, während der Semah in anderen Beispielen auf die Ebene individueller Ekstase und metaphorischer Bedeutung verlagert wird. Seit den 2000er-Jahren und darüber hinaus erscheint der Semah in unterschiedlichen Funktionen neu verortet – als Bestandteil von Liebesnarrativen, als Identitätsmarker, als institutionalisierte Aufführung oder als Inszenierung zur Sichtbarmachung traumatischer Erinnerung. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Verschiebung des Semah vom Bereich des religiösen Vollzugs hin zu einem Feld kultureller Performance anhand der filmischen Sprache, ästhetischer Entscheidungen und narrativer Strategien nachvollziehen lässt.
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