Abstract

Die Çepni, einer der Oghusenstämme, gehören zu den Gruppen, die im Prozess der Türkisierung Anatoliens eine bedeutende Rolle gespielt haben. Gemeinsam mit den Oghusen nach Anatolien gelangt, leben die Çepni heute vorwiegend in den Regionen des Schwarzen Meeres und Westanatoliens. Wie andere alevitische Gemeinschaften weisen auch die Çepni eine Organisationsstruktur auf, die auf den Ocaks beruhet und die sowohl ihre religiöse als auch ihre soziale Ordnung bestimmt. Diese Struktur ist um die Institution der Dedes als religiöse Autorität zentriert und gewährleistet religiöse und gesellschaftliche Kontinuität durch die Weitergabe von Generation zu Generation. Der Großteil der in Westanatolien ansässigen Çepni gehören dem Köse-Süleyman-Ocak an, ein anderer Teil dem Imam-Musa-yı-Kâzım-Ocak. Im Köse-Süleyman-Ocak, der den Untersuchungsgegenstand dieser Studie bildet, erfolgt der Eintritt in den „Weg“ (yol) durch die Abgabe des Gelöbnisses (ikrar). Dieses Gelöbnis wird im Musahip-Opfer-Cem bestätigt, woraufhin die Weggefährten (musahip) ihren Weg als spirituelle Geschwister gemeinsam fortsetzen. Im Görgü-Sorgu-Cem legen die Talips vor dem Dede und der Gemeinschaft im Licht der brennenden Kerze (delil) Rechenschaft über ihr Verhalten im zurückliegenden Jahr ab und erlangen die Zustimmung (rızalık) der Gemeinschaft. Im Dar-Cem schließlich werden die Angehörigen eines verstorbenen Musahips mit der Gemeinschaft versöhnt und gegenseitige Vergebung (helalleşme) hergestellt. Die vorliegende Studie behandelt in ihrer Gesamtheit den Ablauf des Dar-Opfer-Cems im Köse-Süleyman-Ocak – beginnend mit den Diensten der Opferzubereitung (tığlama) vor dem Cem bis hin zum Ritual des Dardan İndirme –, die Funktionsträger und die von ihnen ausgeführten rituellen Handlungen sowie die während des Rituals rezitierten heiligen Texte wie Gülbank, Düvaz und Tevhit. Die Ergebnisse zeigen, dass der Dar-Opfer-Cem nicht lediglich eine Gedächtniszeremonie für den Verstorbenen darstellt, sondern ein geregeltes Ritual ist, in dem die Mitglieder der Gemeinschaft in gegenseitigem Einvernehmen zusammenkommen, die Verpflichtungen und Rechtsbeziehungen des Verstorbenen vor der Gemeinschaft abgeschlossen werden und das auf den Ocaks beruhende rituelle Gedächtnis neu konstituiert wird. Im Rahmen der Untersuchung wurde eine teilnehmende Beobachtung an den Cem-Ritualen im Dorf Kabakdere im Zentralbezirk der Provinz Balıkesir durchgeführt. Die während des Cem vollzogenen Rituale wurden mit Video- und Tonaufzeichnungsgeräten dokumentiert. Darüber hinaus wurden Interviews mit religiösen Autoritäten, Funktionsträgern und Talips geführt. Die im Forschungsfeld erhobenen Daten wurden systematisiert und einer interpretativen Analyse unterzogen.

Schlagwörter: Çepni, Aleviten, Ocak, Köse-Süleyman-Ocak, Dar-Cem

Zitationsvorschlag

[1]
Duman, A.Z. Übers. 2026. Das Dar-Opfer bei den Çepni Westanatoliens: Das Beispiel des Köse-Süleyman-Ocaks. Forschungszeitschrift über Alevitentum und Bektaschitentum. 33 (Juni 2026), 123–218. DOI:https://doi.org/10.24082/2026.abked.550.