Abstract
Diese Studie untersucht die mit dem Tod verbundenen Glaubensvorstellungen sowie die um das Sterben und den Tod herum ausgeprägten Rituale der im Dorf Arpaseki im Landkreis Kınık der Provinz Izmir lebenden Çepni-Gemeinschaft. Auf der Grundlage feldforschungsbasierter Untersuchungen werden sowohl der mythologische Hintergrund dieser Praktiken als auch ihre fortdauernden Verbindungen zu alttürkischen Glaubenssystemen analysiert. Die Studie geht von der These aus, dass die betreffenden Rituale zwar vordergründig in einem islamischen und alevitisch-bektaschitischen Rahmen vollzogen werden, in ihrer tieferen Struktur jedoch deutlich vorislamische türkische Kultur- und Glaubenscodes – insbesondere schamanistische Elemente – fortbestehen. Die Daten der Studie wurden im Rahmen einer Feldforschung durch leitfadengestützte Tiefeninterviews mit 31 Personen aus dem Dorf erhoben. Die erhobenen Daten wurden systematisch in drei Hauptkategorien ausgewertet: Glaubensvorstellungen und Praktiken vor dem Tod, Rituale der Bestattungsvorbereitung und des Begräbnisses sowie Trauer- und Gedenkpraktiken nach dem Tod. Die Ergebnisse zeigen, dass der Tod bei den Çepni Arpasekis nicht als ein „Ende“, sondern als ein neuer Anfang verstanden wird, bei dem die Seele in eine andere Existenzebene „übergeht“. Die Tatsache, dass unter anderem Träume, Tierverhalten und körperliche Veränderungen als Todesvorzeichen gelten, Praktiken wie das Einrichten des Grabes während der Bestattung, das Bedecken des Grabes mit Kiefernzweigen nach der Beisetzung oder das Entzünden von Kienspan an dem Ort, an dem der Verstorbene gewaschen wurde, ebenso wie die strengen Regeln während der vierzigtägigen Trauerzeit und das für die alevitisch-bektaschitische Tradition charakteristische Ritual der Entlassung aus dem Dar (dardan indirme) können allesamt als eine Fortsetzung des alttürkischen Tengrismus, der Ahnenverehrung, der Naturkulte sowie der schamanistischen Kosmologie betrachtet werden. Abschließend argumentiert der Beitrag, dass in der Kultur der Çepni im Dorf Arpaseki alttürkische mythologische Denkstrukturen und islamische und alevitisch-bektaschitische Glaubensvorstellungen in einer eigenständigen Synthese zusammenlaufen. Diese Synthese konkretisiert sich in den um den Tod herum entstandenen Praktiken und macht die historische Tiefe, den Wandel und die Kontinuität der türkischen Kultur sichtbar.
Schlagwörter: Çepni, Todesrituale, alttürkische Glaubensvorstellungen, Schamanismus, alevitisch-bektaschitische Kultur, Mythologie, Feldforschung, Dorf Arpaseki
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